2017 (3)

Zur Wiege der Spätburgunderreben

Wo liegt die Wiege des deutschen Spätburgunders? An der Ahr, am Kaiserstuhl, im Rheingau oder in der Pfalz? Weit gefehlt: Am Bodensee ließ Karl III., ein Urenkel Karls des Großen, im Jahr 884 die ersten Spätburgunderreben anpflanzen. Dies erfuhren die Teilnehmer des Ordens der Freunde des Pfeddersheimer Weins e.V. auf ihrer diesjährigen Ordensfahrt an den Bodensee, der Wiege der Spätburgundertraube. Der Weinanbaubereich Bodensee ist mit 600 ha bestockter Fläche (60 % Burgunder, 30 % Müller-Thurgau) das kleinste Weinanbaugebiet Badens. Das Zentrum des Weinbaus erstreckt sich entlang der Südhänge des nördlichen Seeufers. Aber auch auf der Schweizer Seite, von Stein am Rhein bis Schaffhausen, das sich das „Blauburgunderland“ nennt, gedeihen Spitzenweine. Diese genossen die Ordensmitglieder bei einer Wein- und Käse-Degustation im Bürgerasyl von Stein am Rhein, einem stilvoll restaurierten Klosterspital aus dem 13. Jahrhundert. Da Wein und Kultur feste Bestandteile der Ordensmaxime sind, gehörte auch eine Stadtführung in Stein am Rhein und in Konstanz mit geschichtlichen Einblicken zum Programm. Die Imperia an der Hafeneinfahrt von Konstanz stellt eine Prostituierte dar, die Kaiser und Papst auf den Händen trägt und satirisch an das Konzil von Konstanz (1414-1418) erinnert. Der Reformator Jan Hus wurde trotz der Versicherung auf ein freies Geleit im Jahr 1415 während des Konzils auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bei einer Weinprobe im Staatsweingut Meersburg, das seit dem Jahr 1210 urkundlich belegt Weinbau betreibt, 60 ha Rebfläche hat, wovon 50 % mit Spätburgunder bestückt ist, genossen die Weinfreunde nicht nur Spitzenweine sondern erfuhren auch wie der Bodensee zu einem mediterranen Klima beiträgt und die Terroirs am See den Weinen eine filigrane Eleganz und Fruchtigkeit verleihen. Der höchste Weinberg Deutschlands in 560 m Höhe ist im Besitz des Meersburger Staatsweinguts. Eine Exkursion führte zur UNESCO Welterbe Insel Reichenau. Bei einer Bustour auf der Klosterinsel mit Führungen im Münster St. Maria und Markus und der Georgskirche sowie einer Weinprobe wurden nicht nur die religiöse und kulturelle Bedeutung der Insel aufgezeigt sondern auch Details über Gemüsebau, Weinbau und Fischerei vermittelt. Im Rahmen der Weinprobe im Winzerverein Hagnau erlebten die Weinfreunde wie der Diplom Handelslehrer Roland Gotterbarm in die Gestalt des streitbaren Pfarrers, Schriftstellers und Bürgerrechtlers Dr. Heinrich Hansjakob schlüpfte. Der Pfarrer erkannte die schlechte wirtschaftliche Lage der Bauern nach der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts und versuchte ihr durch den Zusammenschluss der Winzer zu begegnen. Er gründete im Jahr 1881, als der Weinpreis bis auf 10 Pfennig je Liter sank, die erste badische Winzergenossenschaft in Hagnau am Bodensee. Roland Gotterbarm spielte auch im Film „Ein Rebell sucht Ruhe“ die Rolle des engagierten Pfarrers. Einen Höhepunkt der Reise bildete eine kunsthistorische Führung durch das im Jahr 1134 gegründete Zisterzienser Kloster und Schloss Salem. Der Besucher wird chronologisch vom Hochmittelalter bis zum Spätbarock durch die wechselvolle Kunst- und Baugeschichte des Klosters geführt. Salem ist zudem Wohnsitz und VDP Weingut des Markgrafen von Baden und mit 135 ha das drittgrößte Weingut Deutschlands. Bei der Verkostung der angebotenen Weine und dem Genuss eines „Prälatentellers“ erfuhren die Weinfreunde die „Müller-Thurgau Story“. Wegen Missernten und der spät reifenden Eblingtraube war es in den 1920 er Jahren schlecht bestellt um den Weinbau am Bodensee. In einer Aprilnacht im Jahr 1925 schmuggelten deshalb in einem Ruderboot zwei junge Burschen getarnt als Fischer im Auftrag ihrer Väter 400 Pfropfreben vom früh reifenden Müller-Thurgau aus der Schweiz nach Deutschland, um sie heimlich auf den markgräflichen Rebflächen am Bodensee zu pflanzen. Die Reben gediehen so gut, dass der Bodensee heute auch Müller-Thurgau Land genannt wird. Günter Bleise, Vorsitzender des Ordens der Freunde des Pfeddersheimer Weins, dankte auf der Heimfahrt unter dem Beifall der 40 Teilnehmer Dieter Kirchner für die gelungene Organisation der Exkursion an den Bodensee.

D.Kirchner