Klein aber fein – die Wunderwelt der polaren Mikroorganismen

Polareisforscher zu Gast beim Orden der Freunde des Pfeddersheimer Weins im Sängerheim

Wieder einmal konnte der Vorsitzende des Ordens der Freunde des Pfeddersheimer Weins, Günter Bleise, im nahezu voll besetzten Sängerheim den aus Pfeddersheim stammenden Meeresbiologen und Polareisforscher Prof. Dr. Rolf Gradinger und zahlreiche Gäste begrüßen.

Der Referent ist Autor verschiedener Polareispublikationen, lebt heute in Tromsö (Norwegen) und ist an der dortigen Universität als Professor tätig. Er war Organisator und Teilnehmer an verschiedenen Polarexpeditionen u. a. auf dem deutschen Forschungsschiff „Polarstern“. Die Gäste erfuhren nun im Verlaufe des Abends quasi aus erster Hand viele Details aus der interessanten Tätigkeit des Meeresbiologen und Polareisforschers. Der
Referent spannte den Bogen noch einmal von seinem letztjährigen Thema
„Polarimpressionen,“ mit eindrucksvollen Bildern der Eislandschaften in Spitzbergen und der kanadischen Arktis, über die dortige Tierwelt mit ihren Eisbären, Walrossen und Ringelrobben, nun zur Wunderwelt der polaren Mikroorganismen. Das interessierte Publikum nahm zur Kenntnis, dass im arktischen Meer eine ungeheure Vielfalt von Kleinstlebewesen existiert, wie z.B. Pfeilkrebse, Schnecken und Quallen. Aber was ist die Nahrungsbasis
dieser Tiere? Es gibt ja im Meer keinen Wald, keine Bäume; aber es befinden sich am Meeresboden verwurzelte Algenwälder, auch als Tang bezeichnete Makroalgen. Diese breiten sich in den Küstenbereichen der Meere aus und liefern die Nahrungsquelle der oben beschriebenen Lebewesen. Dieser Seetang wird sogar mit Wassertraktoren abgeerntet und für kosmetische Erzeugnisse verarbeitet. Aber fernab der Küsten gibt es diese Nahrungsquellen nicht mehr und doch lebt auch im arktischen Meer eine nur unter dem Mikroskop zu erkennende Vielzahl von Mikroben. Unzählige winzige Algen, Bakterien, Pilze und Wimperntierchen besiedeln die kleinen Hohlräume innerhalb des Meereises, nur wenige Millimeter große Ruderfußkrebse und Nacktschnecken fressen sich quer durch diese „saftigen Weiden“. In nur einer Kaffeetasse Eiswasser haben Polarforscher über 7 Milliarden Bakterien und einige Millionen Algen nachgewiesen. Diese Eisalgen stellen 30 Prozent der gesamten Jahresmenge pflanzlicher Biomasse der Polarmeere. Für die Nahrungsketten in Arktis und Antarktis ist das Packeis daher ein lebenswichtiges Reservoir. Krebse, Fische, Wale und Robben hängen direkt vom Nahrungsangebot in und an den Eisschollen und Packeisflächen ab. Staunend nahmen die Zuhörer zur Kenntnis, dass der Sauerstoff eines jeden 2. Atemzuges aller Menschen von Meeresalgen erzeugt wird und beeindruckt registrierten sie die Fotos über die Nano-Formenvielfalt von Kieselalgen unter einem Mikroskop. Dieser Algen Typ, den man auch als Diatomeen bezeichnet, zählt rund 6000 Arten. Ihren Namen tragen diese Einzeller wegen ihres Außenskeletts, welches aus
Kieselsäure besteht. Ihre Ablagerungen auf dem Meeresboden nennt man Kieselgur oder Diatomeenerde. Es handelt sich dabei um ein poröses, weißliches Pulver, das man unter anderem für Filteranlagen, als Schleif- und Poliermittel zum Beispiel in Zahnpasta aber auch zur Herstellung von Dynamit verwendet. Außerdem produziert die einzellige Kieselalge ein
besonders bemerkenswertes Gefrierschutzprotein, das auch für die chemische Industrie interessant ist. Aber leider es gibt auch schlechte Eigenschaften der Mikroalgen, wie etwa die Blüte einer Killeralge, deren Gift die Kiemen von Fischen beeinträchtigt und diese deshalb wegen Sauerstoffmangels oder am Gift sterben. Einige Millionen Zuchtlachse sind
deshalb schon in Norwegen verendet. Nach einer kurzen Vorschau über seine nächste Expedition mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ nach Spitzbergen „Auf den Spuren des norwegischen Polarforschers und Ozeanograf Friedyou Nansen“ (1861 bis 1930), verabschiedete sich der Referent und freute sich sichtlich über die Reaktionen des Publikums und dessen Applaus, aber auch über die von Günter Bleise übermittelten
Dankesworte inklusive einer Flasche Eiswein.

Peter Behringer